Sagen und Legenden

Die Kartoffelstoppler von Brunn

Pommersche Zeitung vom 23.11.1974 

Jhg.24 / Folge 47

 

Die Notzeit im und nach dem ersten Weltkrieg brachte es mit sich, dass Großstädter aus der Stettiner Innenstadt in die ländlichen Vororte fuhren und dort auf dem Acker Erdäpfel sammelten. Katoffeln waren rationiert, aber gegen gestoppelte Kartoffeln hatte niemand etwas einzuwenden.  Wie es dabei zuging, schildert dieses Gedicht im Stettiner Platt :

Hoch oben in Brunn, nicht wiet von Stettin

Da steiht det Schloß der Herrn von Ramin,

De Gutshof mit seinem ganzen Bestand

Und allens ringsüm is ok sein Land.

Dat is en Bodden; Potz schockschwerenot

Kartoffel de wassen twe Füsse grot.

Und kümmt in Harwsttied det Buddeln ran,

Dann kommen ok de Stettiner an.

Die Invaliden mit Karren und Hack,

De Frugens und Kinner mit Sack und Pack.

Ok Arbeitslose kamen mit´t Rad

Und allens wat Not hät kümmt aut de Stadt.

Se schwermen as Immen öwert Feld

Und ackern und rackern as söken se Geld.

Kümmt Herr von Ramin over eis üppt Land

Dann lauschen de Stoppler und horchen gespannt

Umm´t Hart legt sick sone Bangigkeit

Ob he us woll wegjagen deit ?

 

Doch de ritt vorbei, segt keen böses Wuert

Im Schwippen, denn is he all wedder fuert

Det so as wenn he gornümmen süht.

„Dat isn god Herr“, so flüstern de Lüd.

„Ok sin Inspektor dat is en Mann

För dem man den Hot avnehmen kann,

Dem sleit dat Hart in de Bost so warm

Echt deutsch sleit dat, för rieck und för arm.

Drabt he upp sinen Grauschimmel ran,

Denn kiecken die Stoppler emm fragend an.

„Gewiß könnt ihr stoppeln“ so reept he dann,

„Aber geht mir nicht an die Stauden ran.“

Dann freuen sick alle und hacken as dull

Und stoppeln und sammeln den sack sick vull.

Und jeder kann stoppeln noch und noch

Sick vull Kartoffeln dat Kellerloch.

Kümmt dann de Winter und Küll wart grot,

De Brunnschen Stoppler de häven keen Not.

Is´t Fleisch ok man wenig und lütt de Fisch:

Je gröter de Schöttel Kartoffel upp´n Disch,

dann eten sich alle satt as´n Tunn

und denke ok an den Gutsherrn von Brunn.

Und wünsche emm for dat nächste Joher

Recht veel Kartoffel in´t Ackerfoher !

Die  Sage vom Leichensee

erzählt von Fritz Lüder -  sowie bei J.D.H.Temme - die Volkssagen von Pommern und Rügen

 

Am rechten Ufer der Randow, zwischen Löcknitz und Retzin an der Grenze der Ortschaft Salzow, liegt auf einer Erdkuppe eines schmalen Landrückens der Retziner Burgwall. Dieses aus vorgeschichtlicher Zeit stammende Befestigungswerk ist von Süden und Westen her durch das Randowtal gedeckt, und an der Nordseite stößt ein kleiner Landsee, der sogenannte Leichensee, unmittelbar an den Fuß des Burgwalles. Von dieser Örtlichkeit berichtete schon Brüggemann im 18. Jahrhundert, dass auf dem Burgwall ehemals ein Raubschloß gestanden habe,dessen Bewohner die Körper der Beraubten und Erschlagenen in den See geworfen hätten, wovon der See den Namen Leichensee erhalten habe. Der Abfluß des Leichensees zur Randow heißt im Volksmunde Totengraben.

Die Sage fand auch Schumann noch im Jahre 1887 vor, und sie existiert noch heutigen Tages in unserer Ggegend.

Die Insassen der Raubritterburg pflegten durch Ketten, die sie quer über die Randow gelegt hatten, die vorbeifahrenden Schiffe aufzuhalten, auszuplündern und die Bemannung im Leichensee zu ertränken. Mit Recht bemerkte Schumann dazu, dass diese Sage offenbar mit dem Glauben an die ehemalige Schiffbarkeit der Randow zusammenhängt, hat man doch sogar den Seeräuber Störtebecker im Randowtal lokalisiert. Der Raubritter, der auf dem Retziner Burgwall und auf einer Nachbarburg gehaust hat, soll Hans von Ramin geheißen haben. Er soll zwei Ketten über die Randow gezogen haben, die 50 Schritte voneinander getrennt lagen und 2 Zoll über dem Wasser ganz stramm angezogen waren. Wenn er nun ein Schiff von weitem kommen sah, versteckte  er sich mit seinen Leuten im Rohr und Schilf am Ufer des Wassers und ließ die vordere Kette schlaff, so dass sie unter Wasser ging. Sowie das Schiff darüber fort war, zog er sie wieder straff an, und wenn nun das Schiff zwischen beiden Ketten fest saß, fiel er mit seinem Raubgesindel darüber her, erschlug die Mannschaft und nahm alles Gut für sich. Die Leichen wurden in den See geworfen, nach der langen Seite des Berges hin. Oft traf es sich, dass die Räuber eine stärkere Mannschaft fanden, als sie erwartet hatten, dann läuteten sie eilig eine große Glocke, die sie für diese Zwecke am Ufer aufgehängt hatten, worauf ihnen von beiden Burgen Hilfe kam. Abschließend berichtet die Sage, dass die Glocke nach dem Todes des Raubritters in den See gestürzt worden ist. Darin soll sie noch heute liegen und stets am Johannistage gegen mittag 12 Uhr läuten. Die Ermordeten und die Mörder sollen jetzt noch in mancher Nacht um den Leichensee herumgehen, dass es gefährlich wäre, sich bei Dunkelheit in diese Gegend zu begeben.

Die zahlreichen Angler, die am Leichensee Erholung finden, warten aber nicht auf das Läuten der Glocke, sondern lächeln über diesen Aberglauben, der früher in den Köpfen der Menschen spukte.

Die Räuberhöhle bei Schmölle.

Bei dem Dorfe Schmölle nicht weit von jenem Leichensee findet man eine große Höhle, noch jetzt die Räuberhöhle geheißen. Diese ist der Schlupfwinkel des Hans von Ramin und seiner Genossen gewesen, worein sie alle ihre geraubten Schätze gebracht. Hans von Ramin hatte einen Bruder, der in Schmölle wohnte, und der eben so gottlos war, wie jener. Der hatte einstmals ein adliges Fräulein der Gegend geraubt, mit welcher er in diese Höhle flüchtete. Hier wollte er sie zwingen, ihm zu Willen zu seyn; wie die Jungfrau sich aber hartnäckig zur Wehre setzte, ließ er ihr den Kopf abschlagen.

Der Geist diese Fräuleins ist nachher noch lange um die Räuberhöhle herumgegangen. Zuletzt hat sie vor noch nicht gar zu vielen Jahren ein Schäfer gesehen. Dieser weidete in der Gegend seine Heerde, als er auf einmal einer ganz schwarz gekleideten Jungfrau ansichtig wurde, die am Eingang der Höhle stand und ihm winkte, zu ihr zu kommen. Anfangs graute sich der Schäfer, am Ende nahm er sich aber ein Herz und ging zu ihr und folgte ihr in die Höhle hinein. Hier fand er viele und große Haufen von Schätzen, und die Jungfrau sagte ihm, daß er davon henmen könne, so viel er möge, daß er auch alle Tage, aber nur um dieselbe Stunde, wiederkommen könnte. Darauf verschwand sie. Der Schäfer that, wie sie ihm geheißen hatte, und er ist ein reicher Mann geworden.Die Jungfrau hat man aber seitdem nicht wiedergesehen. Nur am Johannistage soll man in der Höhle noch schwache Klagelaute hören.

Aus   Jodocus Donatus Hubertus TEMME  :  Die Volkssagen von Pommern und Rügen   S. 203 -204 Berlin 1840 Nicolai´sche Buchhandlung

 

 

                                                                                                                                                      Das Sühnekreuz  ( n.B.Rennwanz)        

 
Das Mordkreuz  in Sommersdorf 
(1423 ist Hinrik von Ramin erschlagen worden von den Bauern in Wartin)

Das Mordkreuz in Sommersdorf, Kreis Randow, wird in einer Beschreibung als "altertümliche Merkwürdigkeit bezeichnet, die das Dorf in diesem nahezu 500 Jahre alten Denkmal besitzt, das sich mitten im Dorf befindet." Dieses Denkmal, das unmittelbar an der Kirchhofsmauer auf der Dorfstraße steht, ist eine einfache rechteckige, etwa mannshohe Wange aus sogenanntem Schwedenstein, dem bei Grabplatten und anderen Bildhauerwerken in gotischer und späterer Zeit in Pommern fast immer zur Verwendung gekommenen skandinavischen Kalkstein. Die Steinwange ist im oberen Teil in vier Kreisausschnitten durchmeißelt, so daß zwischen diesen ein Kreuz stehen geblieben ist, das durch Einmeißeln eines Korpus Christi in Umrissen zum Kruzifix ausgearbeitet ist. Wegen der starken Verwitterung des Steines, den die Dorfjugend zeitweise als Wurfscheibe benutzte, ist die Zeichnung nur noch bei besonders günstiger Beleuchtung mit seitlichem Licht einigermaßen deutlich erkennbar. Klarer treten dagegen die beiden tiefer gestochenen Wappenschilder hervor. Sie zeigen einen Sturmhaken, das Wappenbild der unter dem Namen de Monte eingewanderten späteren Familie von Ramin. Diese ist in früheren Zeiten die am reichsten begüterte Familie im Kreis Randow gewesen. Ihr gehörte fast der ganze nördliche und östliche Teil der Randowlandschaft.

Eine vierzeilige Inschrift in gotischen Buchstaben lautet : "Anno domini millisimo CCCCXXIII Hinrik de Ramin occisus est a villanis in Wartin." - Im Jahre 1423 ist Hinrik (Heinrich) von Ramin erschlagen worden von den Bauern in Wartin. Urkundliche Nachrichten über dieses Geschehen liegen nicht vor. Der Sage nach soll Hinrik, der den Weibern in Wartin hold gewesen war, und einer von ihnen Gewalt angetan hatte,von deren Männern (oder den Frauen des Dorfes selbst) verfolgt und an der Stelle, wo später der Stein errichtet ist, gestellt und mittels Spinnrocken erschlagen wordens sein.

Herrmann Sauck  in "Unser Pommerland"  1929 -  Heft  3, S. 113 sowie in "Die Pommersche Zeitung" Folge 44 S.4  - 30.10.2004 und Alfeld/Lange - Wartin, Dorfgeschichte und Dorfgeschichten 2016

 

Der Mondstein bei Ramin

Unweit von Ramin lagen früher drei Hügelgräber in einer Reihe dicht beieinander. Eines hieß "Schwedenber", weil dort während des Dreißigjährigen Krieges Schlimmes geschehen sein soll. Auf einem anderen lag ein großer Findling mit ebener glatter Oberfläche, die das Mondlicht gleißend widerspiegelte, und einem halbmondförmigen Einschluß von anderer Farbe. Er wurde deshalb "Mondstein" genannt. Man glaubte, es hätten sich dort in alter Zeit  irgendwelche heidnischen Bräuche abgespielt. Jemand wollte auch eingeschliffene Vertiefungen (Schälchen) wahrgenommen haben. Zuletzt war er teilweise zugewachsen und mit Lesesteinen bedeckt, sodass nichts Auffälliges an ihm zu erkennen war.

Er wurde als Bodendenkmal unter Schutz gestellt, aber dennoch eines Tages mitsamt dem Hügel weggeräumt.

Die vier Eichen bei Stolzenburg

In der Forst bei Stolzenburg zwischen Stettin und Uekermünde standen früher vier Eichen, die von ganz besonderem Holze gegen die anderen Eichen, auch viel kleiner und dünner waren, obgleich  sie eben so lange standen, als die ältesten Eichen in der Forst. Man erzählt sich, daß vor Zeiten einmal ein Förster unter diesen vier Bäumen einen Wilddieb getroffen, den er hat gefangen nehmen wollen. Der Dieb hat sich aber zur Wehre gesetzt, und Beide haben zuletzt zu gleicher Zeit auf einander geschossen,  jeder  auch  seinen Feind getroffen, so dass sie Beide, tödlich verwundet, zur Erde gefallen sind. Wie sie da nun sterbend liegen, da erkannten sie einander, daß sie Brüder sind, die sich seit vielen Jahren nicht gesehen hatten, und sie verfluchten die Stelle, wo der doppelte Brudermord geschehen ist. Von der Zeit an haben die vier Eichen um keinen Zoll breit mehr wachsen wollen. Eine davon ist vor einigen gefällt, die drei anderen aber stehen noch.

(Vgl.   Freyberg    Pommersche Sagen    S.  95 - 101)

Aus   Jodocus Donatus Hubertus TEMME  :  Die Volkssagen von Pommern und Rügen  S. 273 – 274 Berlin 1840 Nicolai´sche Buchhandlung